Ernährung bei Pflegebedürftigkeit: Was der Körper wirklich braucht
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Das Wichtigste in Kürze
- Mangelernährung trifft rund jeden vierten Pflegebedürftigen zuhause – mit erheblichen Folgen für Heilung, Immunabwehr und Muskelkraft
- Ältere Menschen brauchen oft mehr Protein als Jüngere, nicht weniger: 1,0 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich ist der aktuelle Richtwert
- Schluckstörungen (Dysphagie) sind häufig und werden oft übersehen – sie lassen sich durch Logopädie und Kostanpassung meist gut beeinflussen
Inhalt
Was soll ich kochen – und wie viel sollte sie eigentlich essen? Diese Frage stellen sich viele pflegende Angehörige täglich. Und die meisten unterschätzen, wie folgenreich Ernährung für den Pflegeverlauf ist – in beide Richtungen: Eine gute Ernährung fördert Heilung, Kraft und Lebensqualität. Schlechte Ernährung beschleunigt genau das, was man aufhalten will.
Warum Ernährung in der Pflege so wichtig ist

Mangelernährung ist bei pflegebedürftigen Menschen zuhause deutlich häufiger als gemeinhin angenommen – Schätzungen gehen von rund 25 bis 30 Prozent aus. Vielen Angehörigen fällt es erst nach Wochen auf, weil der Gewichtsverlust schleichend kommt und durch schwere Kleidung oder Bettlägerigkeit kaschiert wird.
Was Mangelernährung bewirkt:
- Wunden heilen schlechter: Protein ist Grundstoff für Gewebereparatur. Wer zu wenig isst, hat langsamere Heilungsprozesse – das gilt besonders für Druckgeschwüre und Operationswunden
- Muskelmasse schwindet: Sarkopenie (Muskelschwund im Alter) wird durch Proteinmangel stark beschleunigt. Weniger Muskelmasse bedeutet: mehr Sturzrisiko, weniger Mobilität, mehr Pflegebedarf
- Immunsystem geschwächt: Das Immunsystem braucht Nährstoffe. Mangelernährte Menschen erkranken häufiger und schwerer
- Kognition leidet: Besonders bei Demenz ist die Verbindung zwischen Ernährung und kognitiver Funktion gut belegt
In der ambulanten Pflege ist Mangelernährung eines der am häufigsten übersehenen Probleme. Angehörige merken es oft erst nach Wochen, wenn bereits ein erheblicher Muskelmasse-Verlust eingetreten ist. Ein einfacher Indikator: regelmäßig wiegen – einmal pro Woche, gleiche Tageszeit, gleiche Kleidung.
Häufige Ernährungsprobleme und ihre Ursachen
- Appetitlosigkeit: Häufigste Ursache für Mangelernährung. Hintergründe: Krankheit (akute Infekte, chronische Erkrankungen), Depression (sehr häufig bei Pflegebedürftigen), Medikamentennebenwirkungen (viele gängige Medikamente dämpfen den Appetit), veränderte Geruchs- und Geschmackswahrnehmung im Alter
- Schluckstörungen (Dysphagie): Nach Schlaganfall, bei Parkinson, bei fortgeschrittener Demenz. Essen und Trinken werden mühsam, Verschlucken entsteht – das macht Angst und führt zu weniger Nahrungsaufnahme
- Kauproblemen: Schlecht sitzende Zahnprothesen, fehlende Zähne, Mundtrockenheit (häufige Medikamentennebenwirkung). Harte Speisen werden gemieden – aber weiche Alternativen sind oft nährstoffarm
- Eingeschränkte Mobilität: Wer nicht selbst einkaufen und kochen kann, ist auf andere angewiesen – und isst oft das, was einfach verfügbar ist, statt das, was nährstoffreich wäre
Energie und Protein: Was der Körper wirklich braucht
Ein weit verbreiteter Irrtum: Ältere Menschen brauchen wenig essen, weil sie sich wenig bewegen. Stimmt für Kalorien teils – stimmt nicht für Protein.
Protein: Der aktuelle Richtwert für ältere und pflegebedürftige Menschen liegt bei 1,0 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag – das ist mehr als für gesunde Erwachsene mittleren Alters. Wer 65 kg wiegt, braucht also 65-100g Protein täglich. Gute Proteinquellen: Eier, Milchprodukte, Fleisch, Hülsenfrüchte, Quark, Fisch.
Energie: Wer bettlägerig ist, braucht weniger Gesamtkalorien – aber pro Mahlzeit sollten diese Kalorien dicht sein. Ziel: nährstoffreiche, gut verträgliche Mahlzeiten in kleineren Portionen.
Mikronährstoffe die häufig fehlen: Vitamin D (fast immer mangelhaft bei Menschen die wenig rausgehen), Vitamin B12, Kalzium, Folsäure. Ein Blutbild beim Hausarzt gibt Aufschluss.
Praktische Tipps für den Pflegealltag
Kleinere Portionen, häufiger essen. Fünf bis sechs kleine Mahlzeiten statt drei große sind für viele Pflegebedürftige besser verträglich und erhöhen die Gesamtkalorienaufnahme.
Mahlzeiten anreichern. Butter, Olivenöl, Sahne, geriebener Käse in Suppen und Gemüse einrühren – das erhöht die Kaloriendichte ohne mehr Volumen. Ein Teelöffel Öl extra macht einen Unterschied.
Lieblingsessen bevorzugen. „Gesund“ ist sekundär – dass gegessen wird, ist primär. Wer seit 80 Jahren gerne Kartoffeln mit Butter isst, braucht keine Quinoa-Bowl.
Gemeinsam essen. Soziale Mahlzeiten erhöhen die Nahrungsaufnahme nachweislich. Wer allein isst, isst weniger. Wenn möglich: gemeinsam am Tisch sitzen, auch wenn der Pflegebedürftige langsamer isst.
Fingerfood anbieten. Für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik oder Demenz: Speisen die mit den Händen gegessen werden können (Sandwiches, Gemüsesticks, Minibrötchen) fördern Selbstständigkeit und Appetit.
Trinken sicherstellen

Das Durstgefühl nimmt im Alter ab – viele ältere Menschen trinken zu wenig, ohne es zu merken. Dehydrierung führt zu Verwirrtheit, Verstopfung, Harnwegsinfekten und erhöhtem Sturzrisiko.
Richtwert: 1,5 bis 2 Liter pro Tag – mehr bei Hitze, Fieber oder Durchfall. Suppen, Joghurt und wasserreiche Obst/Gemüse zählen mit.
Trinkplan aufstellen: Glas Wasser morgens beim Aufwachen, zu jeder Mahlzeit, nachmittags, abends – jeweils 200-250 ml. Das macht 1,5 Liter ohne besondere Anstrengung.
Was hilft: Glas immer in Sichtweite und in Reichweite aufstellen. Liebliche Getränke anbieten (Saft, Tee, Schorle) statt nur Wasser, wenn das nicht getrunken wird. Achtung bei bestimmten Medikamenten (Diuretika, ACE-Hemmer): der Arzt kann informieren, ob der Bedarf erhöht ist.
Schluckstörungen (Dysphagie)
Schluckstörungen werden oft nicht als solche erkannt. Typische Zeichen:
- Husten oder Räuspern während oder nach dem Essen und Trinken
- Heisere oder „nasse“ Stimme nach dem Essen
- Speisereste im Mund nach dem Schlucken
- Vermeidung bestimmter Speisen oder Getränke
- Häufige Lungenentzündungen (können durch stilles Aspirieren entstehen)
Bei Verdacht: Hausarzt ansprechen und Überweisung zur Logopädie. Logopädinnen trainieren das Schlucken – und empfehlen die passende Konsistenz der Nahrung.
Bis zur logopädischen Abklärung: Vorsicht mit dünnen Flüssigkeiten (Wasser, Tee), die werden am häufigsten aspiriert. Andickungsmittel machen Flüssigkeiten sämiger und leichter zu schlucken. → Andickungsmittel für Flüssigkeiten auf Amazon
Trinknahrung und Nahrungsergänzung
Wenn der normale Weg nicht mehr ausreicht – also wenn trotz aller Tipps Gewichtsverlust oder Mangelernährung bestehen – gibt es medizinische Trinknahrung. Produkte wie Fresubin oder Fortimel liefern in kleinem Volumen viele Kalorien, Protein und Mikronährstoffe.
Wichtig: Trinknahrung ist kein Selbsthilfeprodukt. Sie wird auf ärztliche Empfehlung eingesetzt, wenn normale Ernährung nicht ausreicht. Wer vermutet, dass der Pflegebedürftige an Mangelernährung leidet, sollte zuerst den Hausarzt einschalten – der kann Trinknahrung auch auf Rezept verordnen (Kassenleistung bei medizinischer Notwendigkeit).
Nahrungsergänzungsmittel (Vitamin D, B12) können nach Blutbefund sinnvoll sein – auch dafür gilt: erst klären lassen, dann ergänzen.
Häufige Fragen
Mein Vater isst kaum noch – was kann ich tun?
Zunächst die Ursache klären: Appetitlosigkeit durch Krankheit oder Medikamente? Schluckprobleme? Depression? Zahn- oder Mundprobleme? Je nach Ursache sind verschiedene Wege sinnvoll. Als erstes: den Hausarzt informieren und ein Gewichtsprotokoll vorlegen. Gleichzeitig: Lieblingsessen anbieten, gemeinsam essen, kleine Portionen häufiger. Den „er muss mehr essen“-Druck rausnehmen – der erhöht die Abneigung.
Darf ich Speisen pürieren wenn mein Angehöriger nicht mehr gut kauen kann?
Ja, und es ist oft sehr sinnvoll. Pürierte Kost muss aber ausreichend gewürzt und mit hochwertigen Zutaten angereichert sein – sonst ist sie zwar weich, aber nährstoffarm. Ergotherapeuten und Logopäden können zeigen, welche Konsistenz geeignet ist und wie pürierte Speisen appetitlich angerichtet werden. Auch Formen-Püree (z.B. püriertes Fleisch in Fleischform gebracht) erhält die Würde am Tisch.
Ab wann ist ein Gewichtsverlust ernst zu nehmen?
Als klinisch relevant gilt ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust von mehr als 5% in 3 Monaten oder mehr als 10% in 6 Monaten. Das ist das Signal für eine ärztliche Abklärung. Zur Orientierung: Bei einem 65-kg-Menschen sind das 3,25 kg in 3 Monaten. Deshalb regelmäßig wiegen und dokumentieren.
Zahlt die Krankenkasse Trinknahrung?
Bei medizinisch nachgewiesener Mangelernährung und ärztlicher Verordnung ja. Der Arzt stellt ein Rezept für „bilanzierte Diäten“ aus – das ist die korrekte Bezeichnung. Zuzahlung gilt wie bei anderen Rezepten (10% des Preises, max. 10 Euro). Ohne Verordnung wird Trinknahrung nicht erstattet.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Empfehlungen für ältere Menschen – dge.de
- Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE): Ernährung und Alter – dife.de
- Bundesgesundheitsministerium: Gesund essen im Alter – bundesgesundheitsministerium.de
- Gesetze im Internet: § 33 SGB V – Hilfsmittel (Trinknahrung als bilanzierte Diät) – gesetze-im-internet.de
Ratgeber-Tipps
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Autor: Janek Heidemann, Pflegefachkraft – Aktualisiert: Mai 2026
